13/03/2026 0 Kommentare
Sehend werden
Sehend werden
# geistliche Impulse/Extrablatt MH

Sehend werden
Die Leseordnung des morgigen Sonntags sieht einen längeren Text aus dem Johannesevangelium vor. Ein blind Geborener wird durch die Berührung und das Gespräch mit Jesus sehend – und das schrittweise. Auch im Markusevangelium (8,22–26) wird erzählt, wie ein Blinder durch Jesu Berührung klarer sehen lernt. Diese Entwicklung ist im Johannesevangelium viel ausführlicher gestaltet und führt vom physischen Sehen-Können zu einer inneren Glaubenserkenntnis.
Wer ist Jesus für mich?
Johannes schrieb sein Evangelium wohl für Judenchristen, die vor der Entscheidung standen: Sollen wir in Jesus nur einen weiteren Propheten oder den Messias sehen, den besonderen Sohn Gottes? Wer sich heute Christ nennt, für den scheint diese Frage durch die kirchliche Dogmengeschichte vorentschieden. Freilich nur scheinbar, denn die Frage, wer Jesus für einen selbst ist, gilt es auch persönlich zu beantworten. Und da gibt es in unserer eigenen Glaubensgeschichte ebenfalls Entwicklungen, auch bleibende Fragen. Im Exerzitienbuch schlägt Ignatius vor (Nr. 104), vor jeder Betrachtung des Lebens Jesu um „innere Erkenntnis des Herrn“ zu bitten, „damit ich mehr ihn liebe und ihm nachfolge“.
Für Johannes bedeutet glauben können, sehend werden. Auch wenn wir nicht von Geburt an blind sind, so sind wir es doch oft partiell. Wir haben es nötig, dass unsere Augen geöffnet werden. Wir sind zum Beispiel teilweise blind, wenn Vorurteile unseren Blick auf die Wirklichkeit oder auf andere Menschen verstellen – etwa wenn wir meinen, sie seien unsere Feinde, wir könnten ihnen nicht vertrauen. Sehend-Werden heißt, fremdheitsfähig zu werden und in uns die Bereitschaft für ein friedliches Miteinander zu schaffen.
Wann weicht die Nacht dem Tag?
Eine meiner Lieblingsstellen in den Erzählungen der Chassidim von Martin Buber: Ein Rabbi fragt einen gläubigen Juden: „Wann weicht die Nacht dem Tag? Woran erkennt man das?“ Der versucht eine Antwort: „Vielleicht, wenn man den ersten Lichtschimmer am Himmel sieht? Oder wenn man einen Busch schon von einem Menschen unterscheiden kann?“ – „Nein“, sagt der Rabbi, „die Nacht weicht dem Tag, wenn der eine im Gesicht des anderen den Bruder und die Schwester erkennt. Solange das nicht der Fall ist, ist Nacht noch in uns.“
Die vielen Kriege unserer Tage sind Ausdruck dieser Blindheit. Beten wir um das Licht, das sehend macht.
Ihr Rüdiger Funiok SJ, St. Wolfgang

Kommentare