26/06/2026 0 Kommentare
Sein Kreuz tragen
Sein Kreuz tragen
# geistliche Impulse/Extrablatt MH

Sein Kreuz tragen
Jeder hat sein Kreuz zu tragen. Die Redensart klingt harmlos, fast beruhigend – besonders in der abgeschwächten Form vom „Päckchen tragen“. Doch sie verschleiert etwas Entscheidendes: Nicht alle Lasten sind gleich schwer. Manche Menschen tragen ein Kreuz, das sie niederdrückt. Darum wirkt der Satz vom Kreuztragen auf manche Menschen vielleicht zynisch. Denn er klingt, als müsse man Leid eben hinnehmen.
Kein Schicksal, sondern Entscheidung
Jesus spricht anders. Er sagt nicht, man „habe“ sein Kreuz zu tragen, sondern man solle es „auf sich nehmen“. Das ist eine Entscheidung. Niemand zwingt uns dazu. Wir könnten das Kreuz auch liegen lassen. Es ist nicht das Kreuz gemeint, das andere mir auferlegen, die Gewalt, die angetan wird. Aber im Blick auf Jesus sehen wir: Es kann selbst dann Evangelium – frohe Botschaft – sein, wenn das Unrecht die Oberhand zu haben scheint. Indem Jesus sein Kreuz auf sich nimmt, nimmt er es seinen Peinigern aus der Hand.
Jesus sagt: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig.“ Es geht um Nachfolge. Sich zu entscheiden, nicht den leichten Weg zu nehmen, sondern den richtigen, ist Nachfolge. Sich zu entscheiden, nicht den populären Weg zu gehen, sondern den richtigen, ist Nachfolge. Sich zu entscheiden, nicht Gewalt mit Gewalt zu beantworten, sondern in der Kraft des Vertrauens in Gott das Kreuz anzunehmen, ist Nachfolge.
Nachfolge im Hier und Jetzt
Wer Jesus folgt, wird erfahren, was das Kreuz bedeutet – mitten im eigenen Leben. Das Kreuz findet uns, wenn wir aufhören, nur um uns selbst zu kreisen, und beginnen, mit Gott den Weg zu den Menschen mitzugehen. Jesus war bei den Kleinen, den Sündern, den Ausgegrenzten. Das Kreuz zu nehmen kann daher bedeuten, Freunde bei denen zu suchen, die keine haben.
Und doch liegt gerade darin etwas Heilsames. Das Kreuz ist nichts Angenehmes, nichts, was dem Ego schmeichelt. Aber vielleicht entdecke ich gerade dort, wer ich wirklich bin – wenn ich dem vertraue, der mich ruft, ihm nachzufolgen.
Ihr Martin Löwenstein SJ, München

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