22/05/2026 0 Kommentare
Pfingstliches Tischgebet oder Der Heilige Geist im Gefängnis
Pfingstliches Tischgebet oder Der Heilige Geist im Gefängnis
# geistliche Impulse/Extrablatt MH

Pfingstliches Tischgebet oder Der Heilige Geist im Gefängnis
Die sogenannte Pfingst-Sequenz ist ein Gebet zum Heiligen Geist aus dem 12. Jahrhundert. In der zweiten Strophe heißt es da: Komm, der alle Armen liebt. Komm, der gute Gaben gibt. Komm, der jedes Herz erhellt.
Diese Strophe hat P. Alfred Delp SJ während seines Gefängnisaufenthaltes (zur Zeit des Nazi-Regimes) oft als Tischgebet genommen. Das ist einigermaßen verblüffend. Denn gewöhnlich dankt man Gott im Tischgebet für die Gaben der Schöpfung, oder bittet Christus um seinen Segen für die Speisen und die Mahlgemeinschaft. Hier aber wird dreimal der Heilige Geist eingeladen.
Das Essen ist dabei vielleicht nur der Anlass, den Geist um seinen Beistand zu bitten für alle aktuellen Nöte. Der da betet – unschuldig im Gefängnis – gehört wohl wirklich zu den Armen, die sich nach Liebe sehnen („Komm, der alle Armen liebt“), und auch nach Licht in einer so finsteren Zeit („Komm, der jedes Herz erhellt“).
Durchsichtig für Gott
Die Mahlzeit wird so zum Gleichnis für die Lebenssituation insgesamt: Die ganze Hilflosigkeit spiegelt sich wider in der Gefängnis-Wassersuppe, aber auch die größere Sehnsucht und Hoffnung, die über die gegenwärtige Situation hinausreicht. Damit wird also diese Suppe, die wohl sowieso sehr durchsichtig war, auch im übertragenen Sinn „durchsichtig“, nämlich darauf hin, dass alles ein Geschenk ist, dass man oft nichts mehr selber machen kann.
Ähnlich könnten auch wir in einem solchen Gebet unsere Abhängigkeit und Ohnmacht bejahen – und dankbar werden, selbst unter widrigen Umständen. So bleibt das Leben lebenswert, auch wenn es nicht schöner wird dadurch. Der große Horizont wird wieder deutlich und wir verfallen nicht so leicht in Ärger, Depression und Verzweiflung.
Durch ein Tischgebet werden wir aufmerksamer für alles, was uns leben lässt, worüber wir von uns aus nicht verfügen können. Wie es ein jüdisches Gebet sagt: „Wir danken dir für deine Zeichen, die jeden Tag bei uns sind, und für deine Wunder in jedem Augenblick.“
Ihr Walter Heck SJ, Wien

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