10/07/2026 0 Kommentare
Die Kunst des Hörens
Die Kunst des Hörens
# geistliche Impulse/Extrablatt MH

Die Kunst des Hörens
„Geburtstag hat jeder Ochs, Namenstag nur der Mensch.“
Mit diesem Sprichwort bin ich aufgewachsen. Auf unserem Bauernhof wurde es mit einem Augenzwinkern gesagt. Als Kind habe ich darüber gelacht, heute denke ich: Da steckt erstaunlich viel Weisheit drin. Denn der Geburtstag erinnert daran, dass wir leben. Der Namenstag fragt danach, wofür wir leben.
Heute ist mein Namenstag. Ich freue mich jedes Jahr auf den 11. Juli, das Fest des heiligen Benedikt, Patron Europas. Noch dazu wurde ich in Benediktbeuern geboren. So ist mir der heilige Benedikt nicht nur Namenspatron, sondern seit Kindheitstagen ein vertrauter Begleiter.
Die Regel des heiligen Benedikt beginnt mit einem einzigen Wort: „Höre!“ Kein Programm, keine Strategie, keine Moralpredigt, sondern: Höre! Höre auf Gott, höre auf sein Wort, höre auf den Menschen neben dir und höre auch auf das, was sich tief in deinem Herzen regt.
Verwandte Wege: Vom Hören zum Unterscheiden
Genau dort setzt auch Ignatius von Loyola an. Seine Exerzitien sind eine Schule des Hörens. Sie lehren, die Bewegungen des Herzens wahrzunehmen, Gottes Stimme von den vielen anderen Stimmen zu unterscheiden und daraus Entscheidungen zu treffen. Benedikt und Ignatius sind sich näher, als ihre unterschiedlichen Ordensgründungen vermuten lassen.
Mich verbindet mit beiden noch etwas anderes. Wer auf dem Land aufwächst, lernt früh, dass man das Leben nicht machen kann. Man kann säen, pflegen und hoffen – wachsen lässt ein anderer. Diese Ehrfurcht vor der Schöpfung prägt auch Benedikt und Ignatius. Benedikts Klöster wurden zu Orten, an denen gebetet und die Erde sorgsam bearbeitet wurde. Ignatius lädt ein, Gott „in allen Dingen“ zu suchen und zu finden – im Gebet ebenso wie in der Arbeit, in der Begegnung mit Menschen ebenso wie in der Natur. Am Fluss sitzend erlebte Ignatius eine tiefe Gottesschau …
Orientierung für heute
Die Zukunft Europas entscheidet sich in den Parlamenten – und noch mehr in Menschen, die wieder hören, unterscheiden und verantwortlich handeln. Benedikt nennt den ersten Schritt: „Höre!“ Ignatius fügt den zweiten hinzu: „Unterscheide!“ Den dritten kann uns niemand abnehmen: Verantwortlich handeln!
Das kann auch eine Einladung sein, den Namenstag neu zu entdecken. Er erinnert uns daran, dass wir einen Namen tragen, der auf eine Geschichte des Glaubens verweist – und dass Gott uns selbst beim Namen ruft.
Eine gesegnete Ferien- und Sommerzeit wünscht Ihnen
Ihr Benedikt Lautenbacher SJ, München

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