Beim Namen nennen

Beim Namen nennen

Beim Namen nennen

# geistliche Impulse/Extrablatt MH

Beim Namen nennen

Die Lesungen dieses Sonntags versetzen uns in zwei Geschichten großer Veränderungen. Im Buch Exodus hören wir, wie Gott Mose aufträgt, sein Volk an die Befreiung aus der Sklaverei zu erinnern und ihm Gottes Treue zu verkünden. Gott, dem „die ganze Erde gehört“, wird sich auch in Zukunft um sein Volk kümmern. Welch eine Verheißung an Menschen, die in der Wüste herumirren!

Im Matthäusevangelium hören wir Jesus, der die zwölf Apostel namentlich zu sich ruft, ihnen Vollmacht zuspricht und sie sendet, Menschen von Traumata und Krankheiten aller Art zu heilen. Doch sie sollen sich davor hüten, damit ein Geschäft zu machen: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben!“ Es geht um viel mehr als um irgend a good deal, schließlich steht das Himmelreich vor der Tür.

Wo bleibt das Himmelreich?

Seit 2018 wird in einer wachsenden Anzahl von Schweizer und deutschen Städten im Juni um den Flüchtlingstag (20. Juni) die Aktion „Beim Namen nennen“ durchgeführt. Eine Abdankung? Ein Protest? Wohl beides. Denn wir gedenken der inzwischen über 72.794 Menschen, die seit 1993 an den Grenzen Europas ums Leben gekommen sind. Sie starben in seeuntüchtigen Booten auf dem Mittelmeer, erstickten in Lastwagen, verdursteten in der Wüste oder blieben schwer verletzt im Grenzgebiet an der europäischen Außengrenze im Wald liegen.

Wie sollten wir von diesen Umgekommenen reden? Oder den überlebenden Geflüchteten erzählen, das Himmelreich sei nahe? Gott werde sie retten, wie er sein Volk aus Ägypten und durch die Wüste geführt hat?

Perspektivwechsel

Ich denke, die Fragen sind so falsch gestellt. Viel eher dürften und sollten wir die Geflüchteten als Botinnen und Boten einer Nachricht erkennen, die uns als Gesellschaft – geprägt von einer unglaublichen systemischen Gewalt – mit der bevorstehenden, radikalen Veränderung konfrontiert. Vielleicht sind die Flüchtlinge, die Geflohenen diejenigen, die mit ihrem Vertrauen uns beschenken und im Gebet für uns vor Gott stehen.

Ihr Christoph Albrecht SJ, Zürich

Dies könnte Sie auch interessieren

0
Feed